Programmheft

Theater

Die Aufführung am 25.2. muss leider krankheitsbedingt abgesagt werden

„Das Stück trägt den Untertitel Revue. Zu Recht, denn es gibt keine durchgehende Handlung. Es wird auch nicht Kafkas Leben erzählt. Sehr wohl finden sich Szenen zu Lebensstationen dieses großen Prager Schriftstellers, auch treten seine wichtigsten Lebensbegleiter wie Max Brod und vier wichtige Frauen auf, doch vieles erfährt man auch nicht.

Dafür werden einige seiner berühmtesten Werke erzählt, zitiert, kurz angespielt: Der Prozess, Die Verwandlung, der Brief an den Vater sowie Kurztexte. Wir begegnen dem Mann vom Land vor dem Türhüter, dem Boten des Kaisers, der nicht an sein Ziel kommt, der Maus, die vor Schreck nicht die Flucht ins Mauseloch ergreift, Gregor, der sich als Insekt wiederfindet. Dazwischen stehen Szenen, die thematisch die Welt des Franz Kafka umkreisen.

Was macht diese Welt aus? Das Deutsche kennt ja das Wort „kafkaesk“, es meint das Rätselhafte des Lebens, das Undurchschaubare unserer Existenz. Ist es nicht so, dass wir uns meist als Herren unseres Lebens glauben, dabei lebt das Leben uns? Wir sind ihm ausgeliefert, von der Geburt bis zum Tod. Unsere Pläne werden immer wieder durchkreuzt. Wir kämpfen uns irgendwie durch. Nicht nur die nächste Umgebung, sondern auch die globalen Zusammenhänge bestimmen unser kleines privates Geschick.

Genauso fühlen sich die Figuren bei Kafka, aber ins Extrem geführt, drastisch überzeichnet: ein verlorenes Nichts, fremden Mächten oder Institutionen ausgeliefert. Wahrscheinlich ist es die prägende Figur von Kafkas übermächtigem Vater, die ihn als Kind einschüchterte und ein Leben lang nicht losließ.

Auch wir sind familiär verstrickt und haben in Gruppen unsere Position, oft ohne die Freiheit, die wir uns wünschen. Doch nicht nur anderen Menschen sind wir sozusagen „ausgeliefert“, viel kafkaesker noch finden wir uns in einer digitalen, von Algorithmen bestimmen oder einer überbürokratisierten Welt vor. Da ist das Kind nicht mehr nur einem vielleicht strengen oder unnahbaren Vater ausgesetzt, wir sind – als kleine Rädchen im großen Weltgetriebe – Ämtern, Institutionen, Konzernen, Supermächten und immer mehr auch verrückten Diktatoren ausgeliefert. Dazu kommen globale Entwicklungen in der Ökonomie oder in der Ökologie. Es sind jene undurchschaubaren und unbeherrschbaren Mächte, die auch in diesem Stück angedeutet werden.

Der Autor Kafka hat zwar das Scheitern eindrücklich beschrieben, geradezu beschworen, doch der Mensch Kafka hat nie aufgegeben, so wie Sisyphos. Auch angesichts seiner Tuberkulose hat er immer neue Wege gesucht und in die Zukunft geblickt, Veränderungen gesucht. Nicht stürmisch, immer gebremst, ja, doch aufgegeben hat er nicht. Und das können wir in unser eigenes Leben mitnehmen: bei allem Schweren sich nicht der Passivität ergeben und alles mit sich geschehen lassen, sondern im Rahmen des Möglichen Taten setzen; nicht die Maus vor der Katze spielen; nicht seine wertvolle Zeit und Talente vergeuden oder ungenützt liegen lassen, sondern schöpferisch gestalten, was sich gestalten lässt.

So ist diese Revue nicht nur ein Gedenkstück an den meistübersetzten Autor der deutschen Sprache anlässlich seines hundertsten Todesjahres, sondern auch ein Stück über uns selbst und darüber, wie wir in einer komplizierten Welt gut leben können.“
 – JL